Die Welt

Die Welt von Freebooter’s Fate

Es war alles so einfach, ganz am Anfang auf der Insel Leonera. Die Sonne schien auf türkisblaues Wasser mit sanften Schaumkämmen, auf blendend weiße Sandstrände, auf sattgrünen Dschungel. Ab und an brach mal ein Vulkan ein kleines bisschen aus oder der eine oder andere Sturm fegte über die Insel hinweg, aber im Großen und Ganzen war alles friedlich. Man sonnte sich, man plätscherte im Wasser herum, man fraß und wurde gefressen wie die Nahrungskette es eben hergab.

Doch dann tauchten eines Tages große weiße Dinger am Horizont auf, verbunden mit großen braunen Dingern und die Menschen kamen. Und statt sich auch zu sonnen und zu plätschern und ein bisschen zu fressen, machten sie sich ungemütlich breit und fällten Bäume, vermehrten sich wie die Dodos, fraßen mehr so alles und bauten eine Stadt. Es kamen immer mehr von ihnen und die Nachbarschaft ging vor die Hunde, denn die brachten sie auch mit. Genau wie die Goblins.

Seit jenen Anfangstagen hat Leonera viel erlebt. Zunächst blühte der Handel, denn die Insel war ein wichtiger Zwischenstopp auf der Handelsroute des Imperiums zwischen den Kolonien und der alten Welt. Die Stadt, liebevoll Puerto Alto getauft, wurde reich, man baute ein Fort, man hielt Bälle, man dinierte, man hatte ein Häuschen im Grünen und eines in der Stadt und wer etwas auf sich hielt, hatte eine Heerschar von Goblinsklaven, die das alles unterhielt. Dann kamen die Piraten.

Zuerst waren es nur ein paar, die mühelos von der Armada hinweggepustet wurden. Aber sie wurden immer mehr und irgendwann wurden sie lästig. Dann entdeckte irgendein Spielverderber eine schnellere Route in die Kolonien und Leonera wurde zum provinziellen Hinterland. Der Handel versiegte, die guten Truppen zogen ab, die Piraten setzten sich fest und bevor man es sich versah war die halbe Stadt in ihrer Hand und hieß jetzt Longfall. Noch dazu hatten sich die Goblins in einem weltweiten Aufstand erhoben und das Joch der Sklaverei abgeschüttelt. Ja, sie machten sich in Longfall sogar daran, ihren eigenen Teil der Stadt zu beanspruchen.

Und während sich Piraten, Armada und Goblins gegenseitig an die Gurgeln gingen, zog die Insel immer mehr Glücksritter und Abenteuerinnen an. Stahlharte Frauen und Männer, die gegen Gold ihre Schwertarme und Pistolenhände zur Verfügung stellten, ohne groß Fragen zu stellen. Irgendwann machte dann jemand da noch eine Firma draus, aber nur weil die Bude innen Teaktische und außen eine Messingplakette hat und ab und an eine Bilanz fragwürdigen Wahrheitsgehalts herausgibt, sitzen immer noch dieselben goldgierigen Halsabschneider drin.

In solchen Zeiten schreit man als besorgter Bürger nach Leuten, die wieder für Ordnung sorgen, die die guten alten Zeiten wiederbringen, den mittlerweile halbmystischen Gründer oder zumindest seinen verschollen geglaubten Nachkommen des richtigen Blutes. Wonach man nicht schreit, was man aber in diesem Fall bekam und, wie sich herausstellte, die ganze Zeit schon hatte ist eine Gruppe von Leuten, die aus undurchsichtigen aber angeblich hehren Gründen Leute abmurksen. Maskierte Frauen und Männer, die dunkle Gassen mit blitzenden Giftdolchen bevölkern und den herrschaftlichen Stammbaum durch systematische Beseitigung aller ungeliebten Triebe wieder begradigen wollen. Und es ist erstaunlich, wie weit solche Triebe angeblich gewuchert sind.

Kaum hatte man sich davon erholt, tauchten plötzlich merkwürdige Frauen im Dschungel auf. Leichtbekleidet und schwerbewaffnet erzählten sie irgendwas von einer Großen Erdmutter und dass bestimmte Ruinen im Dschungel eigentlich ihnen gehörten. Niemand wusste wo sie plötzlich herkamen, aber jetzt konnte man nicht einmal mehr ungestört im Wald flanieren gehen. Sie sind in Stämme organisiert, die alle ihr eigenes Totem haben, dem sie nacheifern. Männer sind verpönt und unerwünscht, es sei denn, sie werden zur Abendunterhaltung und/oder Nachwuchssicherung benötigt. Dann erscheinen männerraubende Banden von Amazonen an den Ausläufern der Vorstädte. Die Zahl junger Männer, die sich „zufällig“ im Dschungel „verlaufen“ hat seither stetig zugenommen.

All diese Unsicherheit und Unruhe bringt natürlich irgendwann die religiösen Fanatiker auf den Plan. Plötzlich sprießen sie, jahrhundertelang vom säkularen Imperium unterdrückt, aus allen Löchern wie die Pilze aus dem verfaulten Dachbalken. Nach Jahrhunderten hitziger Diskussionen und zahlloser Schismen über den Namen, nennen auch sie selbst sich einfach nur „Der Kult“. Interessanterweise sind sie keine glaubensbasierte Gemeinschaft, denn die Loas, die sie anrufen, existieren tatsächlich, traditionelle Rituale werden inzwischen teilweise mit fast wissenschaftlicher Methodik überarbeitet. Die Grenzen zur Geisterwelt sind dünn und nur zu gerne lassen sich die Parallelweltwesen herüberholen und in Leute rufen um sich am Gefühl des vom Blut umspült Werdens zu berauschen.

Und mittendrin bricht dann ein Vulkan aus, die Pfade ins Landesinnere werden unbrauchbar, was zur absoluten Unzeit kommt, da dort gerade jemand Gold in großem Stil gefunden hat. Plötzlich steigt daher die Nachfrage nach Booten, mit denen man die Wasserwege zu den Vorkommen schnell und mit viel Feuerkraft nutzen kann. Ruderboote, Kanus, Süßwasserhaie, Piranhas und Riesenkraken machen die Flüsse und Seen Leoneras unsicher, rammen, entern und versenken einander, dass es eine wahre Freude ist. Natürlich verdient die Ost-Leonerische Handelsgesellschaft, Hauptarbeitgeberin aller Söldnerinnen und Söldner auf der Insel und Besitzerin der größten Schuppen mit den blitzendsten Messingschildern in Longfall, an jeder splitternden Planke.

In dieses muntere Treiben platzt eine Schar entkommener politischer Gefangener, die auf ihrer Sträflingsinsel erfolgreich gemeutert haben und von dort geflohen sind. Sie stammen aus dem unruhigen kleinen Land Debonn, in dem Demonstrationen, politische Agitation, Aufruhr, Unruhen und Bürgerkrieg beinahe an der Tagesordnung sind. Unter der Führung des größten militärischen Genies der Neuzeit (seine Aussage) und des größten Hutes (sein Markenzeichen), lassen sie sich in Longfall nieder und verursachen einen Kampf der Kulturen. Wein statt Rum, Kaffee statt… noch mehr Rum, Croissants statt Schiffszwieback, nasaler Akzent statt rollendem Arr – der Konflikt ist vorprogrammiert.

Schließlich fällt das Auge des Imperiums wieder auf Leonera und eine Flotte erscheint am Horizont, die das ganze verkorkste Nest – und, wenn man schonmal in der Gegend ist, die recht umfangreichen Goldvorkommen – wieder dem Imperium einverleiben soll. Ad majorem auri, hüstel, imperii gloriam. Doch die Piraten, Goblins, Debonner und Kultisten formen eine effektive wenngleich brüchige Allianz. Listenreiche Pläne werden geschmiedet, Fallen gelegt, Heldentaten begangen – und am Ende ist Longfall eine von einer hohen Mauer geteilte Stadt, vom Hafen bis zum Goblinviertel Goblinopolis entlang des Großen Kanals durchtrennt und niemand hat wirklich gewonnen. Außer der OLHG natürlich.

So könnte das jetzt jahrzehntelang weitergehen, mit dem real existierenden Imperialismus auf der einen und dem degenerierten Piratentum auf der anderen Seite. Doch eines Tages, das ist noch gar nicht so lange her, öffnet jemand eine Tür. Nicht in der Mauer, sondern an einem geheimen Ort auf der Insel. Und natürlich ist das von Übel – seit Urzeiten auf Spalt stehende Geheimtüren zu öffnen kann nur schiefgehen, das weiß man doch. Aber nun ist es zu spät und seit Ewigkeiten eingekerkertes Böses oder zumindest Dunkles bricht hervor. Dunkle Ecken sind noch dunkler, gefährliche Gassen noch gefährlicher. Die Schatten sind hier und sie sinnen auf Rache. Es wäre ja auch langweilig, wenn es ausnahmsweise mal ruhig wäre.